...gescheite und weniger gescheite Antworten auf kluge und manchmal blöde Fragen....

 


 

Januar 2010 Matthias Schumacher stellt ein paar Fragen


Matthias Schumacher (MS): Im Titelsong heißt es „Wumm di bumm, Halbzeit rum“. Vor wenigen Tagen sind Sie 66 geworden. Wie optimistisch sind Sie eigentlich?

Stephan Sulke: Optimistisch genug, um nicht Selbstmord zu begehen.

MS: Ich habe vergessen, vorab etwas Wesentliches mit Ihnen zu klären: „Uschi“ lassen wir heute weg! Oder?

Sulke: Uschi ist praktisch ein „Volkslied“ einer ganzen Generation geworden. Soll mir zuerst einer nachmachen, bevor er meckert.

MS: 1963 gab es Ihre erste Single nur auf Vinyl, heute kann man sich Ihre Musik als mp3 runterladen. Das Internet: die wohl größte Veränderung und Herausforderung für die Musikbranche. Viele Nutzer klagen über „veraltetes“ Urheberrecht, Labels über Raubkopien. Und zwischen allen Stühlen stöhnt und ächzt der Künstler. Bitte klagen Sie jetzt!

Sulke: Ich weiß nicht, ob Raubkopien wirklich so ein Problem sind,  iTunes scheint schließlich gut zu laufen. Kommen andere Zeiten, kommen andere Sitten.
Klar, die Zeiten, wo Du schnell mal ‘ne halbe Mio. Singles verkloppen konntest mit ‘ner „catchy“ Melodie, die sind vorbei. Die Zeiten, wo Du mit ‘nem großen Auto rumfahren konntest, ohne als Umweltferkel beschimpft zu werden, die sind auch vorbei. Die Zeiten, wo Du ohne wahnwitzige Kontrollen in den Flieger steigen konntest, die sind auch vorbei. Andererseits, die Zeiten, wo Du von Deutschland nach Spanien bis zu viermal an der Grenze angehalten wurdest und zweimal Geld wechseln musstest, die sind auch vorbei. Aktion bewirkt Reaktion. Die Technik von heute verändert die Welt; wohin?


MS: Nun ist die siebente Staffel von DSDS gestartet. Die einen sagen, es sei nichts anderes als ein Talentwettbewerb. Andere sprechen von Demütigung für Quote. Was sagt Stephan Sulke?

Sulke: Keine Meinung. Interessiert mich nicht wirklich. Die Mehrheit hat das Fernsehen, dass sie verdient. Wenn keiner gucken würde, würden sie’s nicht senden. Wenn keiner Kokain schnupfen würde, würde es keiner anbieten. „elementary, my dear Watson.“

MS: Sie haben immer wieder pausiert, aufgehört, hingeworfen. Mitunter hört man über zehn Jahre nichts von Ihnen, manchmal sind es nur fünf. Wie schafft man es, immer wieder weg zu sein, wiederzukommen, weg zu sein, und dennoch mehr als nur die alten nostalgischen Fans in die Konzerte zu locken?

Sulke: Vielleicht wegen der Pausen…? Irgendwer hat mal gesagt: Wenn Du 10% Gefühl im Saal wecken willst, musst Du 1000% hineinsäen. Ich hab immer dann aufgehört, wenn ich mich selber fahl fand. Ich hab immer dann wieder angefangen, wenn’s in mir glühte. Ich werd’ das weiter so handhaben.

MS: Als Berliner muss ich das einfach fragen: Man hat bei Ihren letzten Konzertplänen leicht den Eindruck gewinnen können, Sie machen einen weiten Bogen um die Hauptstadt. Wie ist das Verhältnis zwischen Ihnen und Berlin?

Stephan Sulke: Hey, ich bin doch bei Hallervorden in den Wühlmäusen!


MS: Als sie 1987 der Musikbusiness den Rücken kehrten, beklagten Sie „Zu viel Leere, zu viel Ego“. Sie hätten sich mit Ihren leisen Songs dagegenstemmen können. Ein Zeichen setzen. War die Branche als sie 1999 zurückkamen eine andere oder war Sulke anders geworden?

Sulke: Zum ersten Teil der Frage: Ich bin kein Wanderprediger. Ich suche nicht, Leute zu bekehren. Ich such’ eher Gleichgesinnte. Und die Branche? Die Branche war immer wie eine Kirchenglocke: laut und innen leer. Ob ich anders geworden bin? Zehn Kilo schwerer vielleicht.

MS: Sie haben unter anderem für Katja Ebstein geschrieben. 1983 hat Herbert Grönemeyer Ihr „Ich hab’ Dich bloß geliebt“ für sein Album „Gemischte Gefühle“ gecovert. Lassen Sie gern andere mit Ihren „Kindern“ spielen?

Stephan Sulke: Es ist ein Zeichen von Bewunderung. Es schmeichelt der eitlen Seele.

MS: Das zweite Stück auf ihrem Album heißt „Aber nie“ und ist eine Art „Die Gedanken sind frei – 2009″. So deutlich politisch und gesellschaftskritisch sind Sie lange nicht gewesen. Warum grad jetzt?

Sulke: Weil wir in einer Zeit leben, in welcher die Völker der westlichen Demokratien sich ihre blutig erstrittenen Freiheiten von verlogenen, perfiden, feigen, anpassungswütigen, selbstherrlichen und durchaus freiheitsfeindlichen Einzelgängern und Gruppierungen aus der Tasche ziehen lassen. Das Zeitalter der größten geistigen und körperlichen Freiheit in der Menschheitsgeschichte versinkt in der Diktatur der spießigen Korrektheit, der religiösen Dumpfheit und der naiven Akkzeptanz unbeweisbarer Dogmen. Freiwillig marschieren diese Gesellschaften in eine post-mittelalterliche Geisteswelt der Intoleranz. Tragisch.

MS: Unfreiheit beginnt oft im Kleinen und da sagt man schnell mal: „Ach, ich habe ja nichts zu verbergen.“ Und dann werden Kontendaten gesammelt, Internetverbindungen gespeichert usw. Warum wehret kaum jemand den Anfängen?

Sulke: Das Sprichwort „Wehret den Anfängen“ gäbe es nicht, wenn es nicht in der menschlichen Natur läge, zu warten, bis es sehr sehr spät ist.
Als der Hitler im Saarland einmarschiert ist, hatte er 3000 Männchen. Die Franzosen standen auf der andern Seite der Brücke und hätten bloß rüberspazieren brauchen, den Club einsammeln – und der Spuk wär vorbei gewesen. Ein paar Jahre später war der Spuk dann doch vorbei…mit zig Millionen Toten und einem zerstörten Europa.


Matthias Schumacher: Zu guter Letzt doch noch eine Uschi-Frage: Wann waren Sie zum letzten Mal an der Elfenau und in welchem Outfit?

Stephan Sulke: Hmm, war noch nie an ‘ner Demo….

Vielen Dank für das Interview!

Matthiasl Schumacher's Blog